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Sebastian Broß
Dienstag, 18 April 2017 11:15

Unternehmensbewertung im Rahmen der Erbschaft- und Schenkungsteuer

Auch nach den gesetzlichen Anpassungen im Bereich der Schenkung-/Erbschaftsteuer ist
nicht damit zu rechnen, dass sich die „Albträume“ vieler Unternehmer in Luft auflösen
werden. Aufgrund des Urteils vom Bundesverfassungsgericht im Dezember 2014 wurde dem
Gesetzgeber zwar auferlegt, bis zum 30.6.2016 wieder einen verfassungsmäßigen Zustand
herzustellen.


Aufgrund von Differenzen zwischen Bundestag und Bundesrat hat sich die Nachbesserung
jedoch bis zum 14.10.2016 hingezogen. Der Beitrag geht auf die wesentlichen Eckpfeiler ein.

Begünstigung von Unternehmensvermögen

Es sind in der Vergangenheit immer wieder Stimmen laut geworden, dass die starke
Begünstigung von Unternehmensvermögen bei der Erbschaft- oder Schenkungsteuer nicht
angemessen ist – gerade im Abgleich mit sonstigen Vermögensübertragungen außerhalb
der betrieblichen Sphären, z. B. bei Übertragungen von privaten Immobilien, Depot- oder
Geldvermögen, etc., die wesentlich höher besteuert wurden.

Steuerverschonung

Die Argumente der Unternehmer bezüglich der Steuerverschonung bei der Übertragung von
Betriebsvermögen gingen vor allem in die Richtung, dass das Unternehmen unter
Umständen schon einen hohen Wert hat, doch dieser Wert in vielen Fällen nicht in Form von
freier Liquidität (entzugsfähiger Liquidität) vorliegt, wie Bankguthaben, sondern in der Regel
in Grundstücken, Gebäuden, Vorräten etc. gebunden ist.


D.h. die Unternehmer wollten in ihrer Argumentation darauf hinaus, dass auf den
Beschenkten/Erben eigentlich keine entziehbaren Vermögensgegenstände übergehen, da
das gebundene Vermögen zur täglichen Leistungserbringung notwendig ist.

Problem: Liquidität für die Steuer

Bei einer zu hohen Besteuerung sahen viele Unternehmer und auch die für diese
Unternehmen tätigen Berater das Problem, dass die Liquidität für die Steuer nicht aus dem
Unternehmen genommen werden kann und im Privatvermögen auch nicht genügend
Reserven vorhanden sind. Im schlimmsten Fall könnte sogar ein Verkauf bzw. zumindest ein
Anteilsverkauf notwendig werden, um die Steuer aus der Erbschaft/Schenkung ausgleichen
zu können.


Darüber hinaus wird es vielfach als riskant angesehen, dem Unternehmen die Liquidität zu
entziehen, da die Unternehmen immer wieder investieren müssen, um sich nachhaltig am
Markt behaupten zu können – und hierfür benötigen sie finanzielle Mittel.

Neuregelungen sehen Verschärfungen vor

Die Neuregelungen haben im Gegensatz zu den früheren Regelungen zu Verschärfungen
geführt. Pauschal kann man jedoch sagen, dass sich für Unternehmen bis zu einem
Unternehmenswert von 26 Mio.€ und unter der zusätzlichen Voraussetzung, dass es keine
wesentlichen Luxusgegenstände im Unternehmen gibt, wie z. B. Oldtimer,
Kunstgegenstände, Münzen, Edelmetalle etc., nicht viel verändert hat.

Lohnsummenregeln

Nach wie vor müssen jedoch die Lohnsummenregeln eingehalten werden. Die
Lohnsummenregeln sollen für eine langfristige Unternehmenserhaltung in der übertragenen
Form sorgen. Es soll z. B. nicht dazu kommen, dass die Übernehmer in die Vergünstigung
bei der Übertragung von Unternehmensvermögen kommen und danach das Unternehmen
verkleinern und die vorhandene Substanz auf die Privatebene ziehen.

Unternehmen ab 5 Mitarbeitern sind betroffen

Im Abgleich mit der Vergangenheit hat sich die Lohnsummenregel dahingehend verändert,
dass jetzt Unternehmen ab 5 Mitarbeitern zu berücksichtigen sind. Erfreulich ist, dass der
Kapitalisierungsfaktor, der auf das nachhaltig erzielbare Unternehmensergebnis angesetzt
wird und so zum Unternehmenswert führt, angepasst wurde. Der Faktor lag 2015 noch bei
18,2149 und in 2016 bei 17,8571. Durch die Neuregelung wurde er auf max. 13,75 fixiert.

Das bedeutet, dass die Unternehmenswerte sich in den meisten Fällen wieder der Realität
annähern – auch wenn es nach wie vor nur eine pauschale Herangehensweise ist.

Wurde ein Unternehmen mit einem nachhaltig erzielbaren Gewinn von 200.000 € pro Jahr
nach dem vereinfachten Ertragswertverfahren im Jahr 2015 noch mit 3.643.000 € bewertet
(200.000 € x 18,2149) und 2016 noch mit 3.571.000 € bewertet (200.000 € x 17,8571), liegt
der Unternehmenswert nach der Berücksichtigung des angepassten Faktors noch bei
2.750.000 € (200.000 € x 13,75).

Unterstellt man die Einhaltung der Voraussetzungen für die 85%-Verschonung, ergibt sich
ein Ausgangswert für die Besteuerung von 412.500 € (vor der Verwendung von
Freibeträgen; derzeit Ehegatten 500.000 €, Kinder 400.000 €).

Reinvestitionsklausel

Die Neuregelungen lassen aber auch einen gewissen Gestaltungsspielraum zu. So kann z.
B. eine Reinvestitionsklausel dafür sorgen, dass vorhandenes Verwaltungsvermögen (unter
Umständen nicht steuerbegünstigt) im Übertragungsfall begünstigungsfähig wird. Dies erfolgt
z. B. dann, wenn ein detaillierter Investitionsplan vorliegt und die vorhandenen finanziellen
Mittel hierfür verwendet werden sollen.

Familienunternehmen

Familienunternehmen können darüber hinaus einen weiteren Abschlag von bis zu 30 %
vornehmen. Die dafür einzuhaltenden Voraussetzungen können jedoch als „hart“ bezeichnet
werden. Die Voraussetzungen müssen zum einen kumulativ vorliegen und tatsächlich
durchgeführt werden. Hierunter fällt unter anderem eine Entnahme- oder
Ausschüttungsbegrenzung sowie Abfindungsregelungen, die im Abfindungsfall unter dem
tatsächlichen Unternehmenswert liegen.

Doch damit nicht genug: Am Ende wird es entscheidend sein, dass die Beschränkungen 2
Jahre vor und 20 Jahre nach dem Erwerbszeitpunkt Bestand haben. Wie dies in der Praxis
tatsächlich durchführbar ist, bleibt abzuwarten.

Übertragung von Unternehmensvermögen größer 26 Mio. €

Bei Übertragungen von größeren Unternehmen (Unternehmenswerte größer 26 Mio. €)
kommt es zukünftig zu höheren Steuerbelastungen. Es kann bei diesen Übertragungen nur
noch zu einer Verschonung kommen, wenn der Erwerber nachweisen kann, dass die
Steuerbelastung nicht aus dem Privatvermögen getragen werden kann
(Verschonungsbedarfsprüfung).

Alternativ kann auf Antrag auch das sogenannte Abschmelzmodell in Anspruch genommen
werden: Der bekannte Verschonungsabschlag sinkt bei Berechnungen in der genannten
Größenordnung von 26 Mio. € für jede Überschreitung 750.000 € (die der Wert des
begünstigten Vermögens den Betrag von 26 Mio. € übersteigt) um jeweils 1 %.

Planen Sie ein großes Zeitfenster für Ihre Nachfolgeregelungen ein

Der Gesetzgeber hat einige der bisher bestehenden Angriffsflächen entschärft. Hierdurch ist
jedoch auch die Komplexität gestiegen. Es ist deshalb nicht auszuschließen, dass die heißen
Diskussionen im Erbschaft- und Schenkungsteuerbereich weiter anhalten.

Auf einige weitere Stolperfallen konnte aufgrund des Berichtsumfangs nicht eingegangen
werden. Für anstehende zu treffende Nachfolgeregelungen sollte ein großes Zeitfenster
eingeplant werden, da durch Gestaltungsberatung auch noch die ein oder andere Tür
geöffnet werden kann.

Ohne eine Befassung mit dem Thema werden im Ernstfall, wie z. B. dem plötzlichen Tod des
Unternehmers, Fakten geschaffen, die nicht mehr zu revidieren sind. Darüber hinaus kann
es im Einzelfall auch nach wie vor noch sinnvoll sein, ein vollumfängliches
Unternehmensbewertungsgutachten erstellen zu lassen, gerade wenn der Wert nach dem im
Gesetz enthaltenen Bewertungsverfahren zu hoch ist.

Unternehmensbewertung

Das standardisierte vereinfachte Ertragswertverfahren bildet ein vereinfachtes
Unternehmensbewertungsmodell ab. Vereinfachte Modelle müssen noch stärker auf
pauschale Annahmen zurückgreifen als andere Modelle.
Deshalb kann der Unternehmenswert durch eine andere Bewertungsmethode in der Regel
transparenter ermittelt werden. Werden die Gutachten handwerklich richtig erstellt, sind sie
von der Finanzverwaltung anzuerkennen, auch wenn damit eine niedrigere Steuerbelastung
einhergeht.


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Autoreninfo

Sebastian BroßSebastian Broß

Steuerberater, Diplom-Betriebswirt (FH), *CVA (Certified Valuation Analyst), IACVA, Teamleiter BWL

HINWEIS

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