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Montag, 05 August 2013 21:08

Magazin: KMU-Bewertung

Je nach Situation kann es bei Kauf- oder Verkaufsabsichten, aber auch bei Erb- und Schenkungssachverhalten sinnvoll sein, dass die Bewertung von kleinen und mittelständischen Unternehmen anhand eines umfangreichen und detaillierten Bewertungsgutachtens erfolgt. Es ist unverzichtbar, mit belastbaren Werten in Preisverhandlungen einzusteigen bzw. im Schenkung-/Erbfall eine gerechte Steuerberechnung abbilden zu können. Eine Pauschallösung ist bei der Bewertung normalerweise nicht möglich, i.d.R. muss der spezielle Einzelfall betrachtet werden. 

Die Bewertung von kleinen und mittelständischen Unternehmen (im Folgenden „KMU“) ist in der Regel sehr komplex. Vielfach ist dies auf das Fehlen von Börsenpreisen als Vergleichsmaßstab, personellen Verflechtungen beim Unternehmer in Bezug auf das Betriebs-/Privatvermögen, den kleineren Kunden- und Lieferantenstamm gegenüber Großunternehmen, personell kleinere Unternehmensleitung etc. zurückzuführen.

„Groß“ und „Klein“ sind unterschiedlich

Bei größeren, gerade auch börsennotierten Unternehmen, ist überwiegend eine weitaus größere Informationsbasis, bestehend aus geprüften Jahresabschlüssen, Entwicklungsübersichten des Aktienwerts und vieles mehr vorzufinden als bei kleineren Unternehmen.

Darüber hinaus können Großunternehmen interne Risiken auf eine größere Basis verteilen und dadurch abfedern. Wenn beispielsweise ein Mitarbeiter aus der Entwicklungsabteilung bei einem der bekannten deutschen Automobilhersteller das Unternehmen verlässt, stehen neben ihm normalerweise eine Vielzahl weiterer Mitarbeiter/innen zur Übernahme seiner Aufgaben zur Verfügung bzw. sind sie aufgrund der größeren Projektarbeiten bereits seit Anfang an nah an der Arbeit ihres Kollegen dran. In einem KMU-Unternehmen mit einem Mitarbeiter in der Entwicklungsabteilung wäre die Übergabe schwieriger bzw. bei einem plötzlichen Ausscheiden sogar unmöglich. Wissensverluste, teilweise sogar komplette Auftragsverluste sind die Folge. Die gängigen Bewertungsverfahren sind aber hauptsächlich auf eine breite und transparente Informationsbasis ausgerichtet.

Bewerten heißt vergleichen

Bewerten heißt vergleichen und Vergleiche sind im Bereich der kleinen und mittelständischen Unternehmen nicht einfach. Denn es liegen regelmäßig weder belastbare Aufzeichnungen über Verkaufspreise von Unternehmen zum aussagekräftigen Abgleich vor, noch ist eine Börsennotierung vorzufinden.

Mit den gängigen Bewertungsverfahren, die für alle Unternehmensgrößen einsetzbar sind, lassen sich zwar auch kleinere und mittlere Unternehmen bewerten. Bei der Berechnung des Unternehmenswerts verspürt der Bewerter in der Praxis jedoch oftmals einen gewissen „Anpassungsbedarf“. Dieser resultiert in der Regel aus der berechneten Höhe des Unternehmenswerts. Der Bewerter hat in vielen Fällen das Gefühl, dass die vorhandenen Risiken über die gängigen Bewertungsmodelle ohne weitere Anpassungen nicht richtig im Zahlenwerk abgebildet sind und zu überhöhten Werten führen.

In den USA behilft man sich bei der Bewertung von kleineren und mittleren Unternehmen öfter mit pauschalen Abschlägen. In Deutschland haben sich solche pauschalen Abschläge nicht durchgesetzt, da die Gutachten vor allem vor Gericht schwer zu verteidigen sind.

KMU-Spezifika

Die Unterschiede bzw. die Besonderheiten im Bereich der Bewertung von KMU resultieren im Speziellen u.a. in folgenden Bereichen:

  • Weniger diversifizierte Produktpalette
  • Regional begrenzter Markt
  • Häufig geht es um Mehrheitsanteile beim Kauf/Verkauf
  • Ausgeprägte Abhängigkeit des Unternehmenserfolgs von der Person des Eigentümers/Gesellschafters bzw. weniger Führungsleute
  • Fehlende Börsennotierung
  • Verstrickung von Privat-/Unternehmensvermögen
  • Keine risikominimierende Kapitalverteilung des Eigentümers, da oftmals das gesamte Vermögen/Geld im eigenen Unternehmen investiert ist
  • Höhere Insolvenzwahrscheinlichkeit
  • Entlohnung von Familienangehörigen (Marktgerechtigkeit)
  • Langfristige Haltedauern durch den Eigentümer bzw. der Gesellschaftsanteile überwiegen

Detailliertes Bewertungsgutachten

Ein detailliertes Bewertungsgutachten kann die eben aufgeführten Punkte berücksichtigen. Neben der rein zahlenmäßigen Abbildung stehen vor allem auch die schriftlichen Erläuterungen im Mittelpunkt. Diese müssen das Zahlenwerk untermauern und nachvollziehbar machen. Dabei ist u.a. auf das Unternehmen, den Markt und auf die Positionierung des Unternehmens im Wettbewerb selbst einzugehen. Somit beinhaltet die Analyse unternehmensinterne und unternehmensexterne Faktoren. Gerade im KMU-Bereich ist es entscheidend, dass die für die Bewertung herangezogene Ertragskraft des Unternehmens belastbar abgebildet wird.

Hierfür wird in vielen Fällen eine Unternehmensplanung benötigt. Die Zukunft ist für den Unternehmenswert entscheidend, denn für das Gewesene bezahlt der Kaufmann nichts. Bei den gängigen Unternehmensbewertungsverfahren werden i.d.R. die Cashflows (Geldmittel) an die Eigenkapitalgeber bewertet, d.h. die entziehbaren Mittel aus dem Unternehmen zugunsten der Gesellschafter. Die Berechnung erfolgt durch die Abzinsung (Kapitalisierung) der jährlich zu erwartenden Cashflows. Ursächlich hierfür ist, dass der Euro von heute einen höheren Wert hat als der Euro von morgen bzw. übermorgen.

In der Unternehmensbewertungspraxis lässt der Kapitalisierungszinssatz keine großen Anpassungsmöglichkeiten zu. Dennoch müssen die KMU-Besonderheiten, wenn auch an anderer Stelle, berücksichtigt werden. Die Ableitung des Zinssatzes erfolgt in der Unternehmensbewertung standardisiert mittels des Basiszinssatzes und eines pauschalen Risikozuschlags. Durch den in die Berechnung einfließenden Basiszinssatz sind die Diskontierungszinssätze aufgrund des niedrigen Niveaus an den Finanzmärkten derzeit deutlich niedriger als noch vor Jahren. Dies führt zu höheren Unternehmenswerten.

Die konkrete Höhe des Risikozuschlags im KMU-Bereich wird in der Praxis zumeist nur mithilfe von Annahmen festzulegen sein. Jeder Bewertungsfall verlangt deshalb normalerweise seine eigene fachgerechte Problemlösung.

Häufig wird auch von Daumengrößen gesprochen. Es wird z. B. der Wert des Unternehmens anhand des EBIT-Niveaus (EBIT = Ergebnis vor Zinsen und Steuern) berechnet. Ist der Branchenmultiplikator beispielsweise bei 6, wird der Wert des Unternehmens durch die Multiplikation des aussagekräftigen EBIT-Ergebnisses mit 6 und abzüglich der zinstragenden Verbindlichkeiten (Bankdarlehen, Pensionsverpflichtungen) berechnet. Wenn die Bewertung durch eine Unternehmensplanung und durch die Abzinsung der dadurch abgebildeten Cashflows erfolgt, sollte die Multiplikatorbewertung zur Absicherung und Plausibilisierung herangezogen werden.

Gegebenenfalls ist auch eine intensive Prüfung des Liquidationswertes als (zwingende) Wertuntergrenze relevant, gerade wenn sich das Unternehmen in einer Schwächephase (Ertragskrise) befindet und eine große Substanz an Grundstücken und Gebäuden vorhanden ist.

Vereinfachte Ertragswertverfahren als Bewertungsverfahren

Wird der im Detail berechnete Unternehmenswert (nach oben genannten Kriterien) einer Wertberechnung nach dem vereinfachten Ertragswertverfahren (vgl. Fachbeitrag Steuer, Seite 8) gegenüber gestellt, wird oftmals eine enorme Abweichung deutlich. Gerade aufgrund des beim vereinfachten Ertragswertverfahren derzeit heranzuziehenden Multiplikators von 15,3 ist eine kritische Hinterfragung der anzuwendenden Bewertungsmethode im Einzelfall sinnvoll.

Autoreninfo

Sebastian BroßSebastian Broß

Steuerberater, Diplom-Betriebswirt (FH), *CVA (Certified Valuation Analyst), IACVA, Teamleiter BWL

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